Dem Humanismus auf der Spur
OpenForum Prague: Values in Europe – Ideals and Realities, 19.-21. September 2008.
Das nunmehr fünfte OpenForum führte mich vergangenes Wochenende in die „Goldene Stadt an der Moldau“. Obwohl ich als Organisator eine Vielzahl Zeit und Kraft raubender Aufgaben zu übernehmen und zu kontrollieren hatte, blicke ich mit Befriedigung auch auf den spannenden inhaltlichen Teil der Veranstaltung zurück. So oft in den vergangenen Jahren auch über Werte und Identitäten in Europa gesprochen, geschrieben und gestritten worden sein mag: Es bleibt ein schwieriges Thema mit enormer sozialer Sprengwirkung. Dies gilt umso stärker in einer Zeit, in der Samuel Huntingtons Ideologem des „Kampfes der Kulturen“ trotz seiner vordergründigen methodischen Fehler und hintergründigen politischen Absichten in der Öffentlichkeit nur selten unkritisch gebraucht wird; in der in Deutschland „Antiislamisierungskongresse“ stattfinden; und in der verstärkte Überwachung scheinbar als das Allheilmittel für jede Art sozialer Probleme angesehen wird. Ob ich es wohl in meinem Leben noch einmal erleben darf, dass stinknormale Bürger Geheimdienstzentralen stürmen?
Wertediskussionen sind wichtig, denn erst durch das Transparentmachen unserer individuellen normativen Präferenzen erlauben wir uns als Bürger Europas das gegenseitige Kennenlernen. Wenn ich über meine persönlichen Werte spreche, so versuche ich zunächst meinem Gegenüber verständlich zu machen: Schau her, das bin ich. Bitte respektiere, dass ich nicht Du bin. Aber nimm nicht an, dass ich damit – jedenfalls nicht automatisch – gegen Dich sei. In unseren multikulturellen Gesellschaften sollten wir uns viel mehr Zeit nehmen für solcherlei Annäherungen und Offenbarungen. Doch die Gespräche über Werte sind andererseits auch etwas sehr Intimes, darin vielleicht sogar vergleichbar mit Sexualität. Soviel Spaß und sogar Glück beides auslösen kann – wir bewegen uns beständig auf dem schmalen und scharfen Grat, der unsere Persönlichkeit begrenzt. Abstürze werden schnell endgültig, wenn Vertrauen fehlt.

v.l.: Ulf Göpfert (Dresden), Frank Burgdörfer (Berlin), Yuliy Emilov Stoyanov (Sofia) und Gert Röhrborn (Dresden)
Die praktische Erfahrung des Austauschs auf der Ebene europäischer Zivilgesellschaft ist mir daher besonders wichtig. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass eine Debatte für kurze Zeit über disziplinäre Grenzen und politische Gräben hinweg fruchtbar geführt wird. Für den Erfolg der Veranstaltung in Prag war es aus meiner Sicht hilfreich, dass es gelang, die generationelle Streuung zu vergrößern und künstlerisch-visuelle Elemente zu integrieren. Der Sinn der Unternehmung ist nicht etwa Überparteilichkeit. Im Gegenteil, es geht darum, dass unterschiedliche Positionen aufeinander treffen. Um der klaren Analyse willen sollen sie hart, aber fair miteinander streiten, um eine gemeinsame Basis abzustecken, auf der später politisch-produktiv um den nachhaltigsten Umgang mit dem Problemkomplex gerungen werden kann. Hinsichtlich der Förderung europäischer Werte bedeutet das, gemeinsam für Humanismus, Rationalismus, Säkularität und Rechtsstaatlichkeit in unseren Gesellschaften einzutreten. Darüber hinaus sollten wir darum wetteifern, mit welchen Mitteln wir diejenigen Bürger am besten erreichen können, die noch außerhalb dieses Wertekanons stehen. Meine Hauptdenkaufgabe sehe ich als emanzipatorischer Sozialdemokrat darin, den menschlichen Grund für den konservativen Widerstand gegen Wandel zu verstehen und zu überwinden – zuallererst in und an mir selber.